Du und ich

Ein Gedicht von Annelie Kelch
1.
Der Wind heult vor deinem Fenster -
du musst wachen.

Lichter flackern bedenkenlos -
das Buch auf deinem Nachttisch
öffnet sich und fächert die Seiten auf.

2.
Sobald der Sturm sich gelegt hat,
wirst du aufstehen; die Turmuhr schlägt vier.

Dein Lachen besiegt alle Kriege.
Es ist ehrlicher als die Waage des
Krabbenhändlers am Hafen.

Tauben fressen dir aus der Hand,
Kinder lächeln unter Tränen, sobald du
in ihre Nähe kommst.

Wie einst Amphion durch den Klang seiner
Leier Steine bewegte und Theben erbaute,
erweckst du mit deiner Stimme Vertrauen.

3.
Das Morgenrot sammelt sich in deiner Wange.
Die Turmuhr schlägt sechs.
Der Sturm hat sich in die Strafprozessordnung geflüchtet.

Immer beharrst du auf deinem Recht -
Die Paragraphen gehen auf Zehenspitzen,
sobald wir müde sind und schlafen wollen.

Wir kommunizieren und prozessieren -
im steten Wechsel wie Eros und Anteros.

4.
Der Sommer wird uns überraschen
wie ein warmherziges Gerichtsurteil.

In meinem Gehörgang versammeln sich unsere Küsse:
ich höre den Regen nicht mehr.
Am frühen Morgen träumen wir
von Massenamnestien für gewaltlose Journalisten.

Wir verleihen unsere Namen an zahlreiche
Petitionen in der ganzen Welt.

5.
Unsere Hände sind frei von Gold und Silber.
Ich schlucke deine Pillen, du meine.
Unser Blut spielt verrückt.

Du streitest für humane Altersheime,
während ich für ehrliche Begräbnisse plädiere:
Ihr dürft uns an unseren Gräbern verfluchen.

Mein Herz geht stets vor dir auf Reisen.
Es empfängt dich in den Hotels dieser Welt
mit Sekt und roten Rosen.

Informationen zum Gedicht: Du und ich

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28.09.2017
Das Gedicht darf weder kopiert noch veröffentlicht werden.
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