Lebensschicksal

Ein Gedicht von Jürgen Wagner
Ein Meister des Zen rief den Schüler zu sich:
"Ich hätte da eine Bitte an dich!
Nimm diesen Becher, gehe zum Fluss
und füll ihn mit Wasser, ohne Verdruss

Der Schüler gehorchte und als er da stand,
da sah er ein Mädchen und blickte es an
Sie schaute zurück - da war es gescheh'n
Die Herzen entflammten im Handumdreh'n

Er ging auf sie zu, ließ den Becher zurück
Sie fanden einander und machten ihr Glück
Er zog zur Familie und auf das Land
Drei Kinder kamen und stärkten ihr Band

Sie hegten die Gärten, bepflanzten die Erd',
und was sie auch taten, die Müh war es wert!
Und doch - ihr Glück sollte jäh vergeh'n
Die Flut, die kam, tat so vieles zerstör'n

Sie kletterten hoch auf das eigene Dach
und kauerten da, ängstlich und schwach
Die Kinder nahm der reißende Strom,
zuletzt auch die Frau mit schaurigem Ton

Der Sturm legte sich, er saß ganz allein,
Zusammengeduckt auf dem Dach so klein
Auf einmal legte sich eine Hand
von hinten auf ihn, völlig entspannt

Er schaute sich um und wen sah er da?
Den Meister, der kam ihm nun ganz nah
"Wo warst du so lange, Jahre vergingen -
du wolltest doch nur etwas Wasser bringen?"

Nach einer Zen-Geschichte

Informationen zum Gedicht: Lebensschicksal

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25.12.2023
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Jürgen Wagner) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.
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