Warum wir Geschichten brauchen

Ein Gedicht von Jürgen Wagner
Es war bereits vor langer Zeit
Die Juden litten große Nöte
Baal-Schem-Tow sah, was geschah
Ob Gott uns seine Hilfe böte?


Er ging in einen nahen Wald
Entzündete ein heil’ges Feuer
Er sprach ein eigenes Gebet -
Da kam die Hilfe, ungeheuer


Ein Jahr um’s and‘re ging dahin
Man lernte viele Leiden kennen
Sein Schüler suchte auch den Wald -
Das Feuer wollte nicht mehr brennen.


Doch kannte er noch das Gebet
Der Himmel konnte ihn erhören
Das Wunder kam mit großer Macht
Es konnte sie nun nichts mehr stören


Es war die nächste Gen’ration
Sie hatte das Gebet vergessen
Das Feuer zündete nicht mehr -
Doch etwas hat sie noch besessen


Der Ort war ihnen noch bekannt
Wo einst der Lehrer hat gebetet
Das war genug - die Hilfe kam
Noch heute wird davon geredet


Die Nächsten kannten gar nichts mehr
Nicht Ort, Gebet und keine Flammen
Doch kannten sie noch die Geschicht‘!
Um Gefährliches zu bannen





Elie Wiesel, Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger, erzählt, dass der große Rabbi Yisrael Baal Shem Tov, als er sah, wie die Juden misshandelt wurden, in den Wald ging, ein heiliges Feuer entzündete und ein besonderes Gebet sprach, in dem er Gott bat, sein Volk zu beschützen. Und Gott schickte ein Wunder.
Später ging sein Schüler, Maggid von Mezrich, den Schritten seines Meisters folgend, an dieselbe Stelle im Wald und sagte: “Meister des Universums, ich weiß nicht, wie ich das heilige Feuer entzünden soll, aber ich kenne noch das besondere Gebet; höre mich bitte an.” Das Wunder geschah.
Eine Generation später ging Rabbi Moshe Leib von Sasow, als der die Verfolgung seines Volkes sah, in den Wald und sagte: “Ich weiß nicht, wie man das heilige Feuer entzündet, ich kenne auch das besondere Gebet nicht, aber ich erinnere mich noch an die Stelle. Hilf uns Herr!” Und der Herr half.
Fünfzig Jahre später sprach Rabbi Israel von Rizin im Rollstuhl mit Gott: “Ich weiß nicht, wie man das heilige Feuer entzündet, kenne das Gebet nicht und kann auch den Ort im Wald nicht finden. Ich kann nur die Geschichte erzählen und hoffe, dass du mich hörst, Gott,”
Und das Erzählen reichte, um die Gefahr zu bannen.


Rabbi Israel Ben Elieser, genannt Baal-Schem-Tow, der ‚Herr mit dem guten Namen‘ lebte 1700-1760 in Polen-Litauen. Er gilt als der Begründer des Chassidismus, des ekstatischen und mystischen Zweiges im Judentum.

Informationen zum Gedicht: Warum wir Geschichten brauchen

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21.03.2015
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Jürgen Wagner) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.
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